BVG

1. Ziel der Versicherung

Die berufliche Vorsorge hat als zweite Säule neben der AHV/IV/EO als 1. Säule die Aufgabe, den Versicherten die Fortsetzung ihrer bisherigen Lebenshaltung in angemessener Weise zu ermöglichen. Sie strebt dabei das Ziel an, mit der ersten Säule zusammen ein Renteneinkommen von rund 60 Prozent des letzten Lohnes zu erreichen.

2. Ursprung und Charakter der zweiten Säule

Die ersten Pensionskassen wurden bereits vor über hundert Jahren gegründet, zuerst in der Maschinenindustrie. Von diesem Vorsorgeschutz profitierten ausschliesslich ArbeitnehmerInnen, deren Arbeitgeber über eine Pensionskasse verfügten. Im Gegensatz zu heute war der Beitritt freiwillig. Dieser erfolgte nur, wenn es dem Willen des Arbeitgebers entsprach. Gar keinen Schutz stand den Nichterwerbstätigen zur Verfügung. Sie waren bezüglich Vorsorge ganz auf sich allein gestellt. Die AHV wurde erst viel später (1948) gegründet. 


1972 wurde die berufliche Vorsorge in die Verfassung aufgenommen. Dort stellt sie die 2. Säule im Dreisäulenkonzept dar und ist als Ergänzung zur 1. Säule definiert. 
Gestützt auf diese Verfassungsbestimmung wurde das Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge ausgearbeitet und am 1. Januar 1985 in Kraft gesetzt. Der Gesetzgeber baute auf den bereits bestehenden Pensionskassenstrukturen auf, führte aber neu eine gesetzlich garantierte Minimalvorsorge ein. Darunter wird das Obligatorium der beruflichen Vorsorge verstanden. Das BVG definiert Mindestleistungen für das Alter, im Todesfall und bei Invalidität. Die Vorsorgeeinrichtungen sind frei, auch über das vom Gesetz geforderte Minimum hinauszugehen. Es handelt sich dann dabei um überobligatorische Leistungen. Die Frage nach der geeigneten Organisation, der Gestaltung und auch der Finanzierung dieser Leistungen im Obligatorium wie im Überobligatorium überlässt das Gesetz grundsätzlich den Vorsorgeeinrichtungen. So findet sich denn auch eine Vielzahl von Vorsorgeeinrichtungen unterschiedlicher Grösse und Struktur, welche privatrechtlich organisiert die berufliche Vorsorge durchführen.

3. Wer ist versichert?

Das BVG-Obligatorium gilt für alle ArbeitnehmerInnen, die schon in der 1. Säule versichert sind und mindestens 25'320 Franken im Jahr verdienen (Stand 2003). Dies stellt die Eintrittsschwelle in das Obligatorium der beruflichen Vorsorge dar. Man spricht auch vom Koordinationsabzug. Dieser entspricht jeweils der maximalen AHV-Altersrente. 
Die obligatorische Versicherung beginnt mit Antritt des Arbeitsverhältnisses, frühestens mit Vollendung des 17. Altersjahres. Vorerst, bis zum Erreichen des 24. Altersjahres, decken die Beiträge nur die Risiken Tod und Invalidität ab. Ab dem Alter von 25 Jahren wird zusätzlich für die Altersrente angespart. 
Verschiedene Personengruppen sind dem Obligatorium nicht unterstellt: Beispielsweise Selbständigerwerbende, ArbeitnehmerInnen mit einem befristeten Arbeitsvertrag von höchstens drei Monaten, im eigenen Landwirtschaftsbetrieb tätige Familienmitglieder oder Personen, die im Sinne der IV mindestens zu zwei Dritteln erwerbsunfähig sind. 
Unter Umständen können sich diese Personengruppen jedoch freiwillig für die Minimalvorsorge versichern. 

4. Altersvorsorge

Die Altersvorsorge in der zweiten Säule basiert auf einem individuellen Sparprozess. Dieser beginnt mit 25 Jahren. Bedingung ist aber ein jährliches Erwerbseinkommen, welches über der Eintrittsschwelle (25´320 Franken; Stand 2003) liegt. Der Sparprozess endet mit dem Erreichen des Rentenalters. Das während der Jahre auf dem individuellen Konto der Versicherten angesparte Altersguthaben dient der Finanzierung der Altersrente. Das vorhandene Kapital wird dabei mit einem Umrechnungsfaktor von 7,2 Prozent (Umwandlungssatz; Stand 2003) in die jährliche Altersrente umgewandelt. 

Folgende Leistungen sieht das BVG vor: 

Altersleistung

Voraussetzungen

Höhe

Altersrente

Erreichen des Rentenalters (65 Jahre für Männer; 64 (*) Jahre für Frauen).

Jährliche Altersrente entspricht 7,2 Prozent des angesparten Altersguthabens

Kinderrente

AltersrentnerInnen mit Kindern, die unter 18 Jahren sind, noch in Ausbildung stehen oder zu mindestens zwei Drittel invalid sind, längstens aber bis zur Vollendung des 25. Altersjahres

20 Prozent der Altersrente pro Kind jährlich

 

Besonderheit:

Vorzeitige Pensionierung

 

Abhängig von den Bestimmungen im Reglement der Vorsorgeeinrichtung:

bis maximal 5 Jahre vor dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters möglich

 

Besonderheit:

Kapitalleistung

Abhängig von den Bestimmungen im Reglement der Vorsorgeeinrichtung:Bezug bis spätestens 3 Jahre vor Entstehen des Anspruchs auf Altersleistungen angemeldet

einmalige Ausrichtung

     

(*) Bundesgesetz zur Weiterversicherung von erwerbstätigen Frauen in der beruflichen Vorsorge

Die Altersleistung kann im BVG (wie in der 1. Säule) auch vor dem Erreichen des ordentlichen Rentenalters bezogen werden. Die vorzeitige Pensionierung ist aber nur möglich, wenn dies die Vorsorgeeinrichtungen in ihrem Reglement vorsehen. In der Praxis können die Frauen und Männer bis 5 Jahre vor dem ordentlichen Rentenalter die Altersleistung beziehen, sofern sie die Erwerbstätigkeit aufgeben. Allerdings sind die Altersleistungen reduziert: Das Altersguthaben ist in diesen Fällen nicht vollständig angespart und wird mit einem tieferen Umwandlungssatz in eine Altersrente umgerechnet. 
Anstelle der monatlich ausbezahlten Altersrente kann die Vorsorgeeinrichtung in ihrem Reglement auch eine Kapitalleistung vorsehen. Wer an einem solchen einmaligen Bezug interessiert ist, muss eine entsprechende Erklärung spätestens 3 Jahre vor Entstehen des Anspruchs auf Altersrente abgeben. 

Das für die Altersleistung angesparte Kapital nennt man das Altersguthaben. Dieses Guthaben wird aus den jährlichen Altersgutschriften inklusive eines Zinses von mindestens 4 Prozent gebildet. Die Höhe der Altersgutschriften wird in Prozenten des koordinierten Lohnes festgesetzt und richtet sich nach dem jeweiligen Alter und Geschlecht der Versicherten. Dabei gelten folgende Ansätze (Stand 2003): 
 

Altersjahr

Prozentsatz des koordinierten Lohnes

Männer

Frauen

25-34

25-31

7%

35-44

32-41

10%

45-54

42-51

15%

55-65

52-62/63 (*)

18%

(*) Bundesgesetz zur Weiterversicherung von erwerbstätigen Frauen in der beruflichen Vorsorge

Wie diese jährlichen Altersgutschriften finanziert werden, ist Sache der Vorsorgeeinrichtungen. Das BVG gibt nur wenig Anhaltspunkte. Das BVG kennt den Grundsatz der kollektiven Finanzierung: Der Beitrag der Arbeitgebenden muss mindestens gleich hoch sein wie die gesamten Beiträge aller ihrer ArbeitnehmerInnen. Ebenfalls wie in der AHV schulden die Arbeitgebenden die gesamten Beiträge (ihren Anteil und den Anteil der Arbeitnehmenden, welcher direkt vom Lohn abgezogen wird).

5. Invalidenvorsorge

Bei Invalidität infolge eines Unfalls oder einer Krankheit im Sinne der Invalidenversicherung richtet die Pensionskasse eine Invalidenrente sowie Invalidenkinderrenten aus. Diese werden nach Erreichen des Rentenalters weiterhin ausbezahlt. 
Um die Invalidenrente zu berechnen, wird das Altersguthaben hochgerechnet: Zum Altersguthaben, welches bis zum Zeitpunkt des Vorsorgefalles angespart wurde, werden die künftigen hypothetischen Altersgutschriften ohne Zins addiert.

Folgende Leistungen sieht das BVG vor: 

Invalidenleistung

Voraussetzungen

Höhe

Invalidenrente

Invaliditätsgrad von mind. 50 Prozent

Bei einer Invalidität von 50 Prozent wird eine halbe Rente und bei einer Invalidität von 2/3 wird eine ganze Rente ausgerichtet

Jährliche Invalidenrente entspricht 7,2 Prozent des hochgerechneten Altersguthaben

Kinderrente

LeistungsbezügerInnen mit Kindern, die unter 18 Jahren sind, noch in Ausbildung stehen oder zu mind. zwei Drittel invalid sind, längstens aber bis zur Vollendung des 25. Altersjahres

20 Prozent der Invalidenrente; jährlich

Besonderheit
Kapitalabfindung

Abhängig von den Bestimmungen im Reglement der Vorsorgeeinrichtung:

Kapitalbezug möglich

einmalige Ausrichtung

6. Hinterlassenenvorsorge

Eine Witwenrente erhält die Witwe, wenn sie für den Unterhalt ihrer Kinder sorgen muss oder wenn sie mindestens 45 Jahre alt ist und die Ehe fünf Jahre oder länger gedauert hat. Erfüllt die Witwe diese Voraussetzungen nicht, erhält sie eine einmalige Abfindung von drei Jahresrenten. Bei Wiederverheiratung erlischt der Anspruch auf eine Witwenrente. 
Die geschiedene Frau hat nach dem Tod ihres geschiedenen Ehemannes genauso Anspruch auf eine Witwenrente, sofern die Ehe mindestens 10 Jahre gedauert hat und der geschiedene Gatte Unterhaltsleistungen zahlen musste. 
Falls der Verstorbene noch keine Alters- oder volle Invalidenrente bezogen hat, berechnet man die Witwenrente auf der Grundlage einer Invalidenrente. Dabei wird die Rente errechnet, auf die der Versicherte Anspruch gehabt hätte, wenn er invalid geworden wäre. Auf dieser Basis wird auch die Waisenrente errechnet. 

Folgende Leistungen sieht das BVG vor: 

Hinterlassenenleistung

Voraussetzungen

Höhe pro Jahr

Witwenrente

Unterhaltspflichtige Kinder oder die Witwe ist mindestens 45 alt und die Ehe dauerte fünf Jahre oder länger

60% der bezogenen Alters- oder vollen Invalidenrente, respektive die volle Invalidenrente, auf welche der Verstorbene bei Invalidität Anspruch gehabt hätte

Kapitalabfindung der Witwe

Wenn kein Anspruch auf eine Witwenrente besteht

3 Jahresrenten als einmalige Kapitalabfindung

Waisenrente

Altersrentner mit Kindern, die unter 18 Jahren sind, noch in Ausbildung stehen oder zu mind. zwei Drittel invalid sind, längstens aber bis zur Vollendung des 25. Altersjahres

20% der vollen Invaliden-/ Altersrente

Besonderheit
Kapitalabfindung

Abhängig von den Bestimmungen im Reglement der Vorsorgeeinrichtung:

Kapitalbezug möglich

einmalige Ausrichtung

7. Witwerrente

Zur Zeit spricht das BVG dem Witwer beim Tod seiner Gattin keine Leistungen zu. Verschiedene Vorsorgeeinrichtungen richten aber heute bereits eine Witwerrente aus. Es handelt sich aber um eine Rente aus überobligatorischer Vorsorge.

8. Überentschädigung

Leistungen aus der Unfallversicherung (UVG) oder Militärversicherung werden grundsätzlich zuerst ausgerichtet, auch wenn für den gleichen Versicherungsfall eine Leistungspflicht des BVG besteht. Die Invaliden- und Hinterlassenenleistungen nach BVG werden demnach nur ausgerichtet, sofern diese Leistungen zusammen mit den anderen Einkünften 90 Prozent des mutmasslich entgangenen Verdienstes nicht überschreiten. Wird diese Grenze überschritten, werden die BVG-Invaliden- und Hinterlassenenleistungen in diesem Umfang gekürzt. Sinn dieser Regelung ist es, Überentschädigungen zu vermeiden; die Versicherten sollen durch die Leistungspflicht der verschiedenen Versicherungszweige nicht besser gestellt sein als ohne den Eintritt des Schadensfalles. 

9. Erhaltung des Vorsorgeschutzes

Verlassen die Versicherten vor einem Vorsorgefall (Alter, Tod oder Invalidität) die Vorsorgeeinrichtung, haben sie Anspruch auf die Austrittsleistung. Man spricht vom sogenannten Freizügigkeitsfall. Der Freizügigkeitsfall kann sowohl bei einem Stellenwechsel wie auch dann vorliegen, wenn die Versicherten nicht unmittelbar nach Austritt aus der Vorsorgeeinrichtung eine neue Stelle antreten. Beim Stellenwechsel überweist die bisherige Vorsorgeeinrichtung die Austrittsleistung an die Vorsorgeeinrichtung des neuen Arbeitgebenden. Im anderen Fall muss die versicherte Person der Vorsorgeeinrichtung mitteilen, auf welche Freizügigkeitseinrichtung die Austrittsleistung zu überweisen ist. Der Versicherte hat die Wahl zwischen einem auf seinen Namen lautenden Freizügigkeitskonto bei einer Bankstiftung oder einer zu seinen Gunsten errichteten Freizügigkeitspolice bei einer Versicherungsgesellschaft. Der Vorsorgeschutz der versicherten Person bleibt erhalten, weil dieses Kapital nur unter bestimmten Voraussetzungen bar an die versicherte Person ausbezahlt wird.

Bleibt die Vorsorgeeinrichtung ohne Nachricht der versicherten Person, wohin die Austrittsleistung zu überweisen ist, muss die Einrichtung spätestens 2 Jahre nach dem Freizügigkeitsfall die Austrittsleistung der Auffangeinrichtung überweisen. 

Bei der Suche nach vergessenen Guthaben bei Einrichtungen der beruflichen Vorsorge können sich die Versicherten an die neu geschaffene Zentralstelle zweite Säule wenden, die ihnen Auskunft erteilt, welche Einrichtungen sie betreffende Vorsorgeguthaben, Freizügigkeitskonten oder -policen führten könnten. Zu diesem Zwecke sind die Vorsorgeeinrichtungen sowie die Freizügigkeitseinrichtungen verpflichtet, der Zentralstelle zweite Säule jährlich zu melden, wenn sie Vorsorgekapitalien ohne Nachricht der berechtigten Personen führen. 

Wird die versicherte Person arbeitslos, bleibt sie für die Risiken Tod und Invalidität obligatorisch in der beruflichen Vorsorge versichert. Voraussetzung ist, dass sie Taggelder oder Entschädigungen der Arbeitslosenkasse nach einer Wartezeit von üblicherweise 5 Tagen beziehen und der Tageslohn 97.25 Franken (Stand 2003) übersteigt. Die Prämien für diese Vorsorge werden hälftig von den arbeitslosen Personen und der Arbeitslosenkasse getragen. Diese Versicherung wird von der Auffangeinrichtung geführt. Wer sich nach dem Reglement der ursprünglichen Vorsorgeeinrichtung freiwillig versichert hat, weil er oder sie keine neue Stelle gefunden hat, kann sich von diesem Vorsorgeschutz befreien. 

Weiterentwicklung des BVG

Organisation und Finanzierung BVG

Die Organisationsstruktur des BVG und dessen Finanzierung

Aktuelles zur BVG Revision per 1.1.2005 / 1.1.2006